marian gunkel
privat

 

Rund Poel - September 2005

Bericht

Fotoalbum

Mittwochabend ruft überraschend Volker an: das Wetter lade zum Paddeln ein und netterweise wäre eine Maschine kaputtgegangen, so dass er ab Donnerstag frei hätte. Ob ich nicht mit ihm endlich mal auf die Schlei ...? Hmm, das ist mir zu weit und zu teuer, aber wir einigen uns auf "Wismar-und-dann-mal-gucken". So kurzfristig habe ich noch nie gepackt und meine Wochenendpläne umgeworfen, aber ich schaffe es doch Donnerstagfrüh pünktlich zum Zug und bin mittags in Wismar.

Volker hat schon ganz Wismar erkundet und empfängt mich freudestrahlend am Bahnhof. Proviant kaufen, dann gehts zum Wismarer Kanu-Club, wo uns äußerst freundliche Club-Mitglieder und eine perfekte Aufbauwiese direkt am Wasser erwarten.

Und dann endlich auf dem Wasser! Ich schäme mich, es zu schreiben: dies ist meine erste Gepäcktour im Jahre 2005. Die Paddelbewegungen sind nicht ganz ungewohnt, da ich Ende August schon ein Regionales Sicherheitstraining (RST) in Spandau zusammen mit Thomas Kerberger geleitet hatte, aber dies ist doch etwas anderes.

Wismar zeigt sich sehr industriell mit dem Riesen-Werft-Quader (häßlich häßlich häßlich!), einem undefinierbaren Chemie-Holzwerk am gegenüberliegenden Ufer sowie dem Tonnenhof (schon netter). Dafür entschädigt die Aussicht nach Norden alles: Poel liegt flach vor uns, westlich davon ist ein Streifen unendlicher Horizont zu sehen. Die Ostsee! Ein leichter Südwind schiebt uns in Richtung Fliemsdorfer Huk (Huk = Haken), wo wir die erste Pause einschieben. Überall fallen uns Unmengen an Quallen auf, später auf der "richtigen Ostsee" werden es weniger.

Die Verschnaufpause hat gut getan, wir queren die Fahrrinne und nähern uns Poel. Der zuerst als potentieller Übernachtungsstrand anvisierte Abschnitt erweist sich als gut bevölkert: für einen Donnerstagabend Ende September liegen hier erstaunlich viele Leute am Strand. Wir paddeln uns vorsichtig durch Untiefen und an riesigen Findlingen vorbei, lassen ein wirklich wunderschönes Steilufer zurück und passieren Timmendorf Strand. Ein wirklich angenehmes Hafen-Örtchen (vom Wasser aus gesehen) mit wunderschönen Schiffen, zurückhaltenden Hafengebäuden und einem Bilderbuch-Leuchtturm. Nur das Geruchsmobbing mit gebratenem/geräuchertem Fisch verfolgt uns eine Weile. Um uns abzulenken, dreht der Wind (der sich wohl um die Insel herumgeschlichen hat) und bläst uns ins Gesicht. Wir bleiben nahe der Küste und zur Strafe haben wir öfter mit flachem Grund, überraschend auftauchenden Steinen und steilen Wellen zu kämpfen.

Einen ersten Zeltplatz finden wir zwar akzeptabel, wollen jedoch noch einen der Karte nach besseren aufsuchen. Dort wird jedoch ein Grillfest geschmissen und die nächsten Häuser sind auch in Sichtweite. Also doch zurück zu den "zwei Bäumen", mit Holunder- und Sanddornsträuchern in der Umgebung. Die Spaziergänger am Ufer nehmen ab, die Temperatur auch. Wir fangen schon mal an zu kochen. An der schon traditionellen Pasta Siziliana fehlt der Thunfisch, aber wir revanchieren uns mit leckeren Antipasti (gegrillte Auberginen in Öl) und ausreichend spanischem Rotwein. Die Sonne geht blutrot unter, davor kreuzt ein Segler - wir genießen den Kitsch beim Abendessen. Im Dämmerlicht wird dann noch die Festung aufgebaut (Robens Fortress - das neueste Schnäppchen in Volkers überbordender Zeltesammlung) und Feuerholz gesucht. Heute machen wir mal auf Indianer: kleines Feuer plus nahe dransitzen reicht auch bei wenig Holz für einige Stunden schwatzen, aufs Meer hinausgucken, Lindt-Schoki naschen, Rotwein schmecken und Sternenhimmel bewundern. Zur Krönung kommt noch der Mond hinterm Steilufer hervor. Der Platz wird von "akzeptabel" auf "wunderbar" hochgestuft, bevor wir in die etwas klammen Schlafsäcke kriechen.

 

Freitag früh weckt uns die Sonne. Der Kaffee schmeckt auch mal ohne Milch (das nächste Mal vergessen wir noch die Boote oder Paddel!), der Rest schmeckt dafür umso besser. Gaaaanz langsam kommen wir los, inspizieren die Steilküste und landen eine halbe Stunde später schon wieder Am Schwarzen Busch an. Ein ganz nahe am Strand stehendes, reetgedecktes Restaurant lockte uns. Die Türen sind offen, drinnen ist schon Beschäftigung. Um 10.43 Uhr bekommen wir jedoch die Auskunft, dass wirklich erst um 11 Uhr geöffnet ist. Das läßt die Befürchtung auf "draußen nur Kännchen" zu, aber später ists sehr nett. Cappucino 2,30 EUR. Ein Blick auf den Strand bestätigt jedoch, dass wir nicht in Berlin-Potsdamer Platz sind.

Mit etwas auffrischendem Wind gehts weiter Richtung Osten, unterbrochen von einer ausgiebigen Bade-Pause. Dann paddeln wir an der Vogel-Insel Langenwerder vorbei zum Kieler Ort, der äußersten Südwestspitze von Wustrow. Diese Halbinsel ist leider verbotene Zone (munitionsverseucht und Naturschutzgebiet). Und der Strand ist sooo verlockend! Wir wenden uns schweren Herzens nach Südsüdost und landen am Boiensdorfer Werder für eine faule Mittagspause an.

Von Süden her kommt Jesus übers Wasser. Jesus ist nackt und hat merkwürdig kurze Beine. Jesus entpuppt sich als älterer, dicker Mann, der im Abstand von 30 m die Küste entlangkneippt. Wir erkunden das Steilufer und entdecken ur- und frühzeitliche Höhlenwohnungen. Damals waren die Menschen ja noch viel viel kleiner als heute und konnten besser klettern. Skeptische Menschen behaupten, in diesen Höhlen würden Vögel nisten und deuten auf den Vogelkot an den Höhlen. Doch wir glauben diesen "Wissenschaftlern" nicht, da wir nirgends Vögel entdecken konnten.

Picknick mit Gurke, Oliven mit Thunfischpaste, Brot, Bananen. Dann lugen wir ins Salzhaff hinein, uns lockt aber nur das verbotene Wustrow. So gehts gegendenwind zwischen Poel und Festland auf eine langweilige Transferstrecke über flachen, bremsenden Grund. Links und rechts Schilf, Kuhweiden. Beim Unterqueren der Brücke, die der falschen Insel Poel (real islands have no stinkin bridges, mate!) reichlich Touristen-in-fahrenden-Dosen beschert, spüren wir die starke windverursachte Gegenströmung. Einige Zeesboot-Enthusiasten haben für eine Nacht das Eiland Ahrendsberg gekapert und kämpfen mit einer überdimensionierten Zeltplane. Wir müdepaddeln uns von schlechtem zu häßlichem Zeltplatz und finden annehmbares im Kirchsee (eine schlauchartige Bucht mit Kirchdorf am Ende). Wiese neben Beerensträuchern, Sandstrand, Sichtschutz. Abends gibts international-asiatisches: Spaghetti mit Bambusscheiben, Nüssen, Kokosmilch, Paprika und Bordeaux, später abgerundet mit Tropifrutti am Strand. Abend und Nacht sind sehr warm. Der Halbmond gibt mit orange-gelber Färbung mächtig an.

Morgens dann erst sehr herbstig mit Hochnebel, aber wenig Wind. Der Dunst verdeckt gnädig die industrielle Silhouette Wismars. Belustigt werden Zeesboote beobachtet, die aus Richtung Kirchdorf gegen den Wind geschleppt werden. Einige Sportler kreuzen erfolgreich und kommen auch vorwärts.

In Kirchdorf ist eine junge schwarze Schiffskatze, die geschickt auf einem Kutter fischige Reste aus den Kisten klaut, das Highlight. Der Cappucino ist eingerührtes Pulver (Binnenlandpreis 1,30!), dafür schmecken Apfelstrudel an Vanilleeis und Sahne perfekt. Von überall her geruchs-mobbt es mit Scholle & Co. Zwei Polizistinnen, eine davon wunderschön fraulich-niedlich, mit offenem, interessiertem Blick, halten ein langes Schwätzchen mit einem Urlauber direkt am Kai. Als die Fähre Wismar-Poel die Menge der Hafengäste schlagartig um etwa das Fünffache vergrößert, flüchten wir.

Der Wind ist eingeschlafen. Zwei Paddler ziehen eine leichte Blasenschleppe über spiegelglattes Wasser. Auf der Wismarer Bucht stört nur ein Partydampfer mit vielkilometerweit hörbarer "Musik". Überall Quallen. Volker bildet die Gruppe weiter mit der Neuigkeit, dass Quallen 50% der Meeresfauna ausmachen. Letzter Stopp auf dem Fliemsdorfer Huk. Dann arbeiten wir uns langsam durch die windstille Hitze Richtung Club. Abbauen, Duschen (aaah!), Kurzbesichtigung der Wismarer Altstadt (wow!!). Dann just in time am Zug. Mecklenburg zieht an mir vorüber, die Sonne geht unter. Die Großstadt und der nächtliche Tangoausflug im Tangoloft eilen herbei. In den Armen wunderbarer Tänzerinnen schwelgend, denke ich trotzdem fast lieber zurück an Sonne, See, Sand, Feuer, Wasser, Weite.

Fotoalbum

 

zum Beginn der Seite zum Seitenanfang

    marian@faltboot.de, 14.10.2005